Mission Impossible? Katastrophale Europawahlbeteiligung ist logische Konsequenz veralteter Kommunikationskonzepte von EU und Parteien
Experten machen veraltete Kampagnenstrategien, fehlende Dialogmarketing-Maßnahmen und mangelhafte Kanalintegration für Euopamüdigkeit mitverantwortlich – und empfehlen Institutionen und Parteien einen intensiven Dialog mit den Wählern
Brüssel, Düsseldorf, 09.06.2009 - Die Wahlwerbung für die Europawahl ist nicht nur nach einer aktuellen Mini-Studie der Universität Koblenz/Landau wirkungslos geblieben: Dass die millionenschweren Wahlaufrufe der EU-Kommission, Videos bei „Youtube“ und andere Werbeprogramme ihr Ziel offensichtlich verfehlt haben, zeigt schon die historisch niedrige Wahlbeteiligung, die europaweit um 40 Prozent dümpelt.
„Die EU hat es nicht geschafft, einen Draht zu den Bürgern aufzubauen“, folgerte denn auch der Fraktionschef der Liberalen im Europaparlament, Graham Watson, gestern im Handelsblatt: Brüssel habe sich von den Bürgern „entkoppelt“, die Kommunikationspolitik der EU sei gescheitert. Während Lobbyisten die Bedeutung des Europaparlaments erkannt hätten („In Brüssel arbeiten mehr Interessenvertreter als in Washington“), wendeten sich die Wähler ab.
Experten empfehlen der Politik daher die Übernahme von klassischen Kommunikationsstrategien aus der Wirtschaft: „Politik muss heute angeboten werden wie etwas Kommerzielles, im Grunde ist es egal, ob eine Partei oder ein Stück Käse beworben wird,“ so z.B. die Wahlkampfbilanz des Politikwissenschaftlers Prof. Dr. Gerd Strohmeier von der TU Chemnitz.
Der Experte für Massenkommunikation Florian Haarhaus, Deutschlandchef von Alterian, dessen Dialogmarketingtechnologie weltweit von Unternehmen für die individualisierte Massenkommunikation eingesetzt wird, geht noch einen Schritt weiter: „Die EU muss endlich einen individualisierten Dialog mit ihren Bürgern aufbauen, in dem individuell gewünschte Informationen in den jeweils präferierten Kommunikationskanälen bereitgestellt werden. Denn erst relevante Informationen schaffen Interesse – und motivieren die Bürger zur Teilhabe am politischen Willensbildungsprozess,“ weiß der Dialogmarketingfachmann.
Dabei gab es durchaus Bemühungen von EU und Parteien, mit den Wahlbürgern ins Gespräch zu kommen: „Noch nie hat Europa eine so umfassende Kommunikationsstrategie für eine Wahl gefahren“, weiß z.B. Lutz Meyer, Partner der Werbeagentur Scholz & Friends, der gerade im Namen der EU 18 Mio. Euro für eine augenscheinlich erfolglose Europawahlkampagne aus Bürgervideos, Glasfaser-Großinstallationen, viralen Spots sowie klassischen Fernsehspots und Plakaten ausgeben durfte.
Noch schlechter erging es Kajo Wasserhövel, Kampagnenleiter der SPD, der den Europawahlkampf seiner Partei nicht nur in den klassischen Kanälen, sondern auch im Netz führte: „Die Herausforderung für Wahlkampfmanager ist, wie die Emotionalisierung im Netz läuft. Das Web 2.0 bietet hier natürlich ganz andere Möglichkeiten,“ sagte er vor der Wahl: „Das Internet wird im Vergleich zu den vorherigen Wahlkämpfen eine größere Rolle spielen und ist integraler Bestandteil der Gesamtkampagne,“ die für seine Partei mit dem schlechtesten Ergebnis ihrer Geschichte endete.
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